Die psychiatrischen Drahtzieher im Hintergrund

 

 

Krumme Touren im Bundesgesundheitsministerium?

 

München, den 13., 7. 1978

 

Scharfe Kritik am Bundesministerium für Familie, Jugend und Gesundheit hat jetzt die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V." (Sitz München) geübt, nachdem der parlamentarische Staatssekretär des Ministeriums, Karl Fred Zander, in der Antwort auf eine Anfrage des Bundestagsabgeordneten Walter Picard (Vorsitzender der sogenannten "Aktion psychisch Kranke") über die Kommission unwahre Behauptungen aufgestellt hatte und diese vom Ministerium bundesweit verbreitet wurden.

 

Zander wusste beispielsweise zu berichten, dass die Kommission "psychisch Kranke und ihre Angehörigen verunsichert", "verleumderische Behauptungen über die Verhältnisse in der deutschen Psychiatrie" veröffentlicht und um alles etwas glaubhafter erscheinen zu lassen, fügte er "inzwischen vorliegende gerichtliche Entscheidungen" hinzu, "die die Verbreitung derartiger Behauptungen untersagen". Diese "gerichtlichen Entscheidungen" gibt es allerdings nicht.

 

 

Der Hintergrund


In mühevoller Kleinarbeit hat nun die Kommission den Hintergrund dieser dubiosen Vorgänge recherchiert und dabei allerlei Merkwürdiges entdeckt. Im Juli 1976 berichtete das ARD-Fernsehmagazin "Bilder aus der Wissenschaft" über die umstrittene Elektroschockpraxis in der Frankfurter Universitätsnervenklinik. Anfang 1977 geriet diese Klinik erneut ins Zwielicht. Klinikinsassen protestierten in einer Radiosendung gegen die "Pillenkeule" und andere Unmenschlichkeiten, denen sie sich ausgesetzt sahen. Damals nahm die Kommission öffentlich dazu Stellung und bat im Interesse der betroffenen Patienten um eine Untersuchung der Vorgänge. Der Frankfurter Psychiatrieprofessor Wolfgang Pittrich fand daran wenig Gefallen. Er sann seitdem auf Abhilfe und fand sie schließlich auch, indem er dem Bundestagsabgeordneten Picard, gleichzeitig Vorsitzender einer "Aktion psychisch Kranke", sein Leid klagte und von diesem mit einer schriftlichen Anfrage im Bundestag erhört wurde.

 

 

"Aktion psychisch Kranke" - Psychiatrische Frontgruppe


Kein Wunder, denn die "Aktion psychisch Kranke" stand Pittrich schon einmal hilfreich zur Seite, als es den Elektroschock zu verteidigen galt, psychiatrische Einrichtungen, die von der Schockbehandlung schon seit langem Abstand genommen haben, wurden dabei kurzerhand als "schlecht geleitet und untherapeutisch" abqualifiziert. Was verbirgt sich hinter dieser "Aktion psychisch Kranke", die sich nach eigenem Bekunden "als Interessenvertretung der psychisch Kranken" versteht, eigenartigerweise psychisch Kranke nicht als Mitglieder aufnimmt? Eine Vereinigung, zusammengesetzt aus einem Kreis erlauchter Psychiater und einer Handvoll Politikern, die - teilweise aus Steuergeldern finanziert - massiv die Absichten der Psychiatrie durchsetzt und dabei in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich ist. So wird in einem aktuellen Faltblatt der "Aktion" auch gleich das potenzielle "Krankengut" optisch dargestellt: nämlich jeder dritte Bundesbürger. Ein rabiater Versuch der Pathologisierung der deutschen Bevölkerung - gefährlicher psychiatrischer Imperialismus, nach außen hin kunstvoll in ein soziales Mäntelchen eingekleidet.

 

 

Psychiatrischer Kult


Prof. Paul Matussek, Leiter der Forschungsstelle für Psychotherapie in der Max-Planck-Gesellschaft, kritisierte denn auch jüngst auf einem Kolloquium in München, dass die Mehrzahl der Psychiater (etwa 80 Prozent) an das Dogma der "Erbkrankheit" glaubt und die Biochemie inzwischen zur offiziellen "Glaubenslehre" geworden ist. Dass man sich in den psychiatrischen Anstalten und Universitätskliniken im Wesentlichen auf die Tabletten-Behandlung beschränkt, wird laut Matussek nach außen hin durch einige sozialpsychiatrische Aktivitäten "verschleiert". Geradezu peinlich muss es kürzlich für die auf einer Tagung der "Aktion psychisch Kranke" versammelte Psychiatrieprominenz gewesen sein, als Gesundheitsministerin Antje Huber in der Eröffnungsansprache unumwunden feststellte: "Der Psychiatrie fehlt die Seele". Dennoch gibt es im Bundesgesundheitsministerium offensichtlich einige Bürokraten, denen der "Ruf der deutschen Psychiatrie" weitaus wichtiger ist, als grundgesetzlich verankerte Persönlichkeitsrechte, die nun einmal auch für psychisch Kranke gelten und für die sich die" Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V." seit Jahren vehement einsetzt.

 

 

Verschlungene Wege


So fiel die Anfrage des Aktionsvorsitzenden Picard auf fruchtbaren Boden, wenn auch auf verschlungenen Wegen. Denn die Fragen wurden keineswegs in einem für Psychiatriefragen kompetenten Referat des Ministeriums bearbeitet, sondern von einem Beamten namens Paul Heimann und der ist in der Abteilung für "Jugendpolitik - Bundesjugendplan" tätig. Er war äußerst erbost, dass ein anderer Mitarbeiter des Ministeriums über "interne Vorgänge" Auskunft gab, nämlich darüber, dass er die Antwort des parlamentarischen. Staatssekretärs Zander auf die Picardsche Anfrage vorbereitet hatte. Die Kommission wird jetzt dafür Sorge tragen, dass die vielen Hundert Patienten und Angehörigen, die sich bei ihr über Menschenrechtsverletzungen in psychiatrischen Einrichtungen beklagten auch an Heimann und Zander im Bundesgesundheitsministerium schreiben. Die Kommission hofft damit der Ministerialbürokratie, die Augen über brutale psychiatrische Realitäten hierzulande öffnen zu können. Auch will sie dadurch vermeiden, dass mit unzutreffenden Behauptungen weiterhin von unbewältigten Problemen im Verantwortungsbereich des Ministeriums abgelenkt wird. Ferner bereitet die Kommission umfangreiche Lobby-Aktionen in Länderparlamenten und im Bundestag vor, damit die Rechte psychisch Kranker in der Gesetzgebung stärker Beachtung finden. In diesem Zusammenhang kann die Kommission bereits einen Erfolg nachweisen. Im Niedersächsischen Landtag wurde kürzlich einstimmig ein humanes und fortschrittliches Psychiatriegesetz verabschiedet, wozu die Kommission durch fundierte Eingaben beitragen konnte, wie ihr von Abgeordneten bestätigt wurde.

 

 

 

 

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Die KVPM wurde 1972 in München von Mitgliedern der Scientology Kirche gegründet und gehört zum weltweit größten Netzwerk zur Aufdeckung von Missbräuchen in der Psychiatrie.