Auch Schulpsychologen gegen "Drogendressur"

 

München, den 10. 8. 1978

 

Nachdem kürzlich die "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e.V." (Sitz München) in einer detaillierten Sachvorlage auf die Gefahren einer Psychostimulantienbehandlung bei sogenannten "hyperaktiven" Schulkindern hingewiesen hatte, begrüßte - neben anderen Fachleuten - jetzt auch die "Sektion Schulpsychologie" im "Berufsverband Deutscher Psychologen" die Initiative der Kommission.

 

In einer von Hermann Brezing, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Schulpsychologenverbandes, erstellten Stellungnahme heißt es: "Die Sektion Schulpsychologie begrüßt den Vorschlag der Kommission, die Frage nach den Wirkungen bzw. Nebenwirkungen der medikamentösen Behandlung dieser Kinder eingehend untersuchen zu lassen und die Öffentlichkeit darüber zu informieren?. Die als 'Hyperaktivität' bezeichneten Verhaltensauffälligkeiten werden oft erst durch unangemessene Reaktion der Umwelt (Elternhaus und Schule) zu einem Verhaltensproblem, das einer Behandlung bedarf. Im Rahmen einer solchen pädagogisch-psychologischen Therapie schulischer Schwierigkeiten könnten unseres Erachtens Medikamente höchstens in Einzelfällen und zur Unterstützung anderer Maßnahmen kurzfristig eingesetzt werden. Dazu wären aber gesicherte Erkenntnisse über die Wirkung und Nebenwirkungen dieser Medikamente notwendig, wie sie im Moment wohl noch nicht vorliegen. Aus diesen Gründen würden Schulpsychologen auch dann keine Medikamente anwenden, wenn ihnen dies vom Gesetzgeber nicht untersagt wäre." [1]

 

Der Kinderpsychiater Dr. Joest Martinius, Privatdozent am Max-Planck-Institut in München, bestätigt, dass bei ganz wenigen, "sehr sorgfältig ausgewählten und überprüften Fällen von Lernstörungen motorisch überaktiver, wespiger Kinder Stimulantien paradoxerweise eine beruhigende Wirkung haben" können. Bei den meisten Kindern jedoch, die diesen "Sammeltopf von Symptomen" aufweisen, sind die Ursachen seelisch bedingt. Auf die Frage, ob er für möglich halte, dass auch solche Kinder mit Psychostimulantien ruhiggestellt werden, meinte Dr. Martinius: "Ich vermute das nicht nur - ich weiß, dass das passiert." [2]

 

Ein Kinderarzt ergänzt: "Eltern kommen sehr häufig zu mir und wollen, dass ich Medikamente verordne, weil ihr Kind 'so unruhig' sei. 'Hyperkinese' ist jedoch keine Krankheit, sondern eine Störung des Kindes zur Umwelt. Meist liegt es am Kind, sondern an den Eltern oder Lehrern, die mit den 'Zappelphilippen' nicht zurechtkommen. Was die erhoffte Wirkung dieser Psychopharmaka (meist Amphetamine) betrifft, urteilt der Arzt: "Die Schulleistungen verbessern sich meist nicht, im Gegenteil, die Kinder werden apathisch und die Intelligenzleistung beeinträchtigt." Die verstärkte Nachfrage nach den Psychodrogen führt er auf die Versprechungen der Pharmaindustrie zurück, auf die viele Eltern und Lehrer hereinfielen. [3]

 

Angesichts dieser alarmierenden Stellungnahmen von Experten darf man gespannt sein, wann die zuständigen Beamten des Bundesgesundheitsministeriums endlich einmal eingreifen, um Kindern eine unnötige "Karriere als Pillenzöglinge" zu ersparen.

 

Erste Erkenntnisse darüber, wie viele Schulkinder in Bayern von der "Drogendressur" betroffen sind, hofft die Kommission in Kürze zu erhalten. Dann nämlich, wenn die Antworten der Bayerischen Staatsregierung auf schriftliche Anfragen von drei sachkundigen Landtagsabgeordneten vorliegen, die seinerzeit die Kommissionsvorlage zum Anlass für besorgte Anfragen nahmen.

 

 

Referenzen:


[1]: Die Stellungnahme der "Sektion Schulpsychologie" im Berufsverband Deutscher Psychologen" zu unserer Sachvorlage.

 

[2]: Den 'Bericht "Die Beruhigungspille im Kindermund ..." aus der "Süddeutschen Zeitung" vom 31. Juli 1978.

 

[3]: Den Bericht "Medikamente sind keine Allheilmittel" aus der "Sindelfinger Zeitung" vom 21. Juli 1978.

 

 

 

 

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Die KVPM wurde 1972 in München von Mitgliedern der Scientology Kirche gegründet und gehört zum weltweit größten Netzwerk zur Aufdeckung von Missbräuchen in der Psychiatrie.