Forderung der Überprüfung und ggf. Aberkennung der CME-Punkte für den 27. World Congress of IACAPAP 2026 in Hamburg
wegen erheblicher Interessenkonflikte durch pharmazeutisches Sponsoring
München, den 18. Juni 2026
{Anrede},
wir bitten Sie um eine sofortige Überprüfung der CME-Anerkennung des 27. World Congress of the International Association for Child and Adolescent Psychiatry and Allied Professions (IACAPAP), der vom 1. bis 4. Juli 2026 im CCH Hamburg stattfindet. Nach den offiziellen Kongressangaben ist die Veranstaltung mit 20,5 EACCME-Credits sowie mit 21 Fortbildungspunkten der Ärztekammer Hamburg anerkannt; Workshops werden zusätzlich mit 5 CME-Punkten ausgewiesen. (1)
(1) Offizielle Kongressseite IACAPAP Congress 2026 sowie Unterseite „CME Credits”: 27th World Congress of IACAPAP, Hamburg/CCH, 1.-4. Juli 2026; EACCME- und Ärztekammer-Hamburg-Fortbildungspunkte; Workshops mit zusätzlichen CME-Punkten. Abruf: 17.06.2026. URLs: www.iacapap-congress.com ; www.iacapap-congress.com/information/cme-credits.html
Damit handelt es sich nicht um einen privaten Fachkongress oder eine gewöhnliche Branchenveranstaltung. Es handelt sich vorgeblich um eine ärztliche Fortbildung mit unmittelbarer Wirkung auf die Fortbildungspraxis von Kinder- und Jugendpsychiatern. Gerade deshalb müssen Neutralität, Transparenz und Unabhängigkeit besonders streng geprüft werden. Diese ist bei dieser Veranstaltung nicht gegeben, da sie von Pharmafirmen gesponsert wird.
Wir bitten die zuständigen Gremien und Ministerien, gegenüber den zuständigen Stellen auf eine Prüfung der Vereinbarkeit der CME-Anerkennung dieses Kongresses unter den veröffentlichten Sponsoring-Bedingungen mit den Anforderungen an unabhängige ärztliche Fortbildung hinzuwirken und fordern die Aberkennung der CME-Punkte bei dokumentierten Interessenskonflikten.
Umfang und Struktur des Sponsorings
Die offizielle Kongresswebsite weist Sponsor- und Ausstellerleistungen in Höhe von insgesamt EUR 201.382,55 aus. Darunter befinden sich mehrere Pharmaunternehmen mit unmittelbaren wirtschaftlichen Interessen im Bereich kinder- und jugendpsychiatrischer Diagnostik und Behandlung mit ADHS-Psychopharmaka. (2)
(2) Offizielle IACAPAP-Kongressseite „2026 Sponsors & Exhibitors” mit veröffentlichten Sponsor- und Ausstellerleistungen. Abruf: 17.06.2026. URL: www.iacapap-congress.com/sponsors-exhibitors/2026-sponsors-exhibitors.html
Die klar pharmazeutisch einzuordnenden Unternehmen kommen nach Addition der auf der offiziellen Sponsorenseite veröffentlichten Einzelbeträge auf mindestens EUR 186.662,55.
Dazu zählen insbesondere MEDICE mit EUR 75.262,55, Neurim Pharmaceuticals mit EUR 60.000, EMS mit EUR 16.000, APSEN mit EUR 15.000, neuraxpharm Arzneimittel GmbH mit EUR 8.000, InfectoPharm mit EUR 7.600, Takeda mit EUR 2.400 und AGB Pharma GmbH mit EUR 2.400. (3)
(3) Eigene Addition der auf der offiziellen IACAPAP-Sponsorenseite veröffentlichten Einzelbeträge für klar pharmazeutisch einzuordnende Unternehmen. Quelle wie Fußnote (2).
Ausgewählte Sponsoren laut offizieller Kongressübersicht
| Sponsor / Unternehmen | Veröffentlichter Betrag |
| MEDICE; | EUR 75.262,55 |
| Neurim Pharmaceuticals | EUR 60.000 |
| EMS; | EUR 16.000 |
| ASPEN | EUR 15.000 |
| neuraxpharm Arzneimittel GmbH | EUR 8.000 |
| InfectoPharm; | EUR 7.600 |
| Taked | EUR 2.400 |
| AGB Pharma GmbH | EUR 2.400 |
| Summe pharmazeutische Sponsoren | mind. EUR 186.662,55 |
| Gesamtsumme Sponsoring/Ausstellerleistungen | EUR 201.382,55 |
Diese dokumentierten Interessenskonflikte erfordern eine Aberkennung der CME-Punkte wie sich aus der nachfolgenden Darstellung ergibt. Die wirtschaftlichen Interessen bleiben nicht abstrakt, sondern liegen thematisch sehr nahe an den Kongressinhalten.
Industry Symposia mit unmittelbarer Nähe zu ADHS und Schlaf/Insomnie
Besonders problematisch ist nicht allein der Umfang des Sponsorings, sondern dessen inhaltliche Nähe zum Kongressprogramm. Die Kongresswebsite listet zwei Industry Symposia: Am 2. Juli 2026 ein von Neurim Pharmaceuticals finanziertes Symposium unter dem Titel „Clinical Decision-Making in Pediatric ADHD and Insomnia” und am 3. Juli 2026 ein von MEDICE finanziertes Symposium unter dem Titel „ADHD 24/7: Meds by day, Sleep by night - A family journey”. (4)
(4) Offizielle IACAPAP-Kongressseite „Industry Symposia”: Neurim Pharmaceuticals Symposium am 02.07.2026 und MEDICE Symposium am 03.07.2026. Abruf: 17.06.2026. URL: www.iacapap-congress.com/sponsors-exhibitors/industry-symposia.html
Die beiden größten Geldgeber finanzieren damit ausgerechnet die am stärksten indikationsnahen Industriesitzungen zu ADHS und Schlaf/Insomnie im Kindes- und Jugendalter. Dies ist für den Bereich Kinder- und Jugendpsychiatrie besonders sensibel, weil Diagnostik, Verschreibungspraxis und Fortbildungsinhalte hier unmittelbare Folgen für Minderjährige und Familien haben können.
Hinzu kommt ein weiterer Umstand, der jedenfalls den Eindruck eines erheblichen Interessenkonflikts verstärkt: Auf der Kongresswebsite wird Tobias Banaschewski als Congress President genannt. Auf der Seite zu den Industry Symposia wird derselbe Name zugleich als Chair des von Neurim Pharmaceuticals gesponserten Symposiums aufgeführt. (5) Dies ist ein objektiv prüfungsbedürftiger Umstand in einem CME-zertifizierten Umfeld.
(5) Offizielle IACAPAP-Kongressseite mit Nennung des Congress President sowie offizielle Seite „Industry Symposia” mit Nennung des Chairs des Neurim-Symposiums. Abruf: 17.06.2026. URLs: www.iacapap-congress.com ; www.iacapap-congress.com/sponsors-exhibitors/industry-symposia.html
Maßstäbe der ärztlichen Fortbildung: Neutralität, Transparenz, Trennung von Pharma-Sponsoring
Die Bundesärztekammer verlangt in ihren Empfehlungen zur ärztlichen Fortbildung, dass Fortbildungsinhalte der Unabhängigkeit von ideologischen und wirtschaftlichen Interessen genügen. Im Abschnitt „Neutralität und Transparenz” wird ausgeführt, dass Fortbildungsmaßnahmen nicht anerkennungsfähig sind, wenn aus wirtschaftlichen Interessen direkt oder indirekt Einfluss auf Inhalte genommen wird oder wenn Vorteile gewährt werden, bei denen das Risiko besteht, ärztliche Entscheidungen zu beeinflussen. (6)
(6) Bundesärztekammer: Empfehlungen zur ärztlichen Fortbildung, Fassung 2022, insbesondere Anforderungen an Unabhängigkeit, Neutralität und Transparenz. URL: www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Aus-Fort-Weiterbildung/Fortbildung/Empfehlungen_der_Bundesaerztekammer_zur_aerztlichen_Fortbildung_14102022.pdf
Die (Muster-)Fortbildungsordnung 2024 verlangt darüber hinaus, dass Fortbildungsmaßnahmen die Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen wahren, dass Fortbildungsinhalte und Marketingaktivitäten getrennt sein müssen und dass bei Sponsoring Thema, Gestaltung und Inhalt weder vorgegeben noch beeinflusst werden dürfen. Sponsoringleistungen dürfen danach nur in angemessenem Umfang und nur für das wissenschaftliche Programm verwendet werden.(7)
(7) Bundesärztekammer: (Muster-)Fortbildungsordnung 2024, insbesondere Anforderungen an Unabhängigkeit ärztlicher Entscheidungen, Trennung von Fortbildungsinhalten und Marketing sowie Sponsoringregeln. URL: www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Themen/Aus-Fort-Weiterbildung/Fortbildung/_Muster-_Fortbildungsordnung_09.05.2024.pdf
Diese Regeln sind keine bloßen Formalien. Sie sollen verhindern, dass ärztliche Fortbildung faktisch zu einem Instrument der Marktbearbeitung wird. Gerade bei Kindern und Jugendlichen muss jeder Anschein vermieden werden, dass Diagnose- und Therapieentscheidungen unter dem Einfluss kommerzieller Interessen stehen.
Auch die EACCME betont, dass akkreditierte medizinische Fortbildung frei von Werbung und Bias sein muss und dass Industriesymposien klar getrennt vom wissenschaftlichen Programm auszuweisen sind. Die Kongresswebsite verweist zudem darauf, dass die Veranstaltung vom Ethical MedTech Conference Vetting System als „compliant” bewertet worden sei. Diese Bewertung kann ein formales Compliance-Indiz sein; sie ersetzt jedoch nicht die eigenständige Prüfung, ob eine stark pharmafinanzierte, CME-anerkannte Fortbildung den Anforderungen an Neutralität und ärztliche Unabhängigkeit genügt. (8)
(8) EACCME/UEMS: Hinweise zu Industrie, Werbung und Bias in akkreditierter Fortbildung; außerdem IACAPAP-Sponsorenseite mit Hinweis auf Ethical MedTech Conference Vetting System. URLs: eaccme.uems.eu/industry ; www.iacapap-congress.com/sponsors-exhibitors/2026-sponsors-exhibitors.html
Unterstützende Positionen: Sponsorfreie ärztliche Fortbildung
Die Initiative MEZIS („Mein Essen zahl ich selbst”) kritisiert seit Jahren die Einflussnahme wirtschaftlicher Interessen auf ärztliche Fortbildung und verweist darauf, dass ärztliche Fortbildung frei von wirtschaftlichen Interessen sein müsse. MEZIS fordert eine konsequente Sensibilisierung für Pharma- und Industriefreiheit in Fortbildungskommissionen.(9)
(9) MEZIS - Mein Essen zahl ich selbst: Themenseite „Ärztliche Fortbildungen” und allgemeine Position zu Transparenz und Einflussnahmen im Gesundheitswesen. URLs: mezis.de ; mezis.de/cme-fortbildungen/
Das Aktionsbündnis Fortbildung 2020, getragen unter anderem von MEZIS, AkdÄ, DEGAM und HDMED, bezeichnet sich als Plattform für ärztliche Fortbildung ohne industrielles Sponsoring. Es beschreibt industriegesponserte ärztliche Fortbildung als langjährig genutzte Marketingmaßnahme und setzt sich für unabhängige, transparente und ausgewogene Fortbildung ein. (10)
(10) Aktionsbündnis Fortbildung 2020 / CME-Sponsorfrei: Plattform für ärztliche Fortbildung ohne industrielles Sponsoring. URL: cme-sponsorfrei.de
Diese Positionen zeigen, dass die hier vorgetragene Thematik nicht von untergeordneter Bedeutung ist. Sie knüpft an eine seit Jahren bestehende Debatte in der Ärzteschaft und der Gesundheitspolitik an.
Besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen
Die Weltgesundheitsorganisation hat in ihrer Guidance on Community Mental Health Services von 2021 die Abkehr von Zwangspraktiken und die Orientierung an personenzentrierten, rechtebasierten Ansätzen gefordert. Unabhängig von der CME-Frage verdeutlicht dies, dass kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung heute an internationalen menschenrechtlichen Maßstäben gemessen werden muss. (11)
(11) World Health Organization: Guidance on community mental health services: promoting person-centred and rights-based approaches, 2021. URL: www.who.int/publications/i/item/9789240025707
Auch die UN-Menschenrechtsebene hat in Berichten zu psychischer Gesundheit und Menschenrechten auf die menschenrechtliche Problematik von Zwangsbehandlung, Freiheitsentziehung und Elektrokonvulsionstherapie hingewiesen. Gerade deshalb müssen Kongresse in diesem Feld besonders hohe Anforderungen an Transparenz, Interessenunabhängigkeit und kritische Ausgewogenheit erfüllen. (12)
(12) UN Human Rights Council / OHCHR: Mental health and human rights, report of the United Nations High Commissioner for Human Rights, 2018, u.a. zu Zwangsbehandlung und menschenrechtlichen Standards. URL: undocs.org/A/HRC/39/36
Unsere Forderungen
Wir bitten Sie, sich gegenüber den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass:
- die CME-Anerkennung des IACAPAP-Kongresses 2026 in Hamburg unverzüglich überprüft wird und die CME-Punkte bei massiven Interessenskonflikten aberkannt werden;
- offengelegt wird, wie die zuständige Ärztekammer die Anforderungen an Neutralität, Sponsoring, Trennung von Marketing und Fortbildungsinhalten sowie an die Unabhängigkeit der wissenschaftlichen Leitung geprüft hat;
- geprüft wird, ob die Kombination aus hohem Pharma-Sponsoring, indikationsnahen Industry Symposia und personeller Überschneidung zwischen Kongressspitze und gesponsertem Symposium mit den Grundsätzen ärztlicher Fortbildung vereinbar ist;
- bei künftigen Kongressen im besonders sensiblen Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie strengere Maßstäbe an produktferne, sponsorfreie oder zumindest deutlich sponsorärmere CME-Formate angelegt werden;
- Referenten, Chairs und Mitglieder der wissenschaftlichen Leitung ihre Interessenkonflikte vollständig, dauerhaft sichtbar und leicht auffindbar offenlegen müssen - nicht nur als kurze Einblendung zu Beginn einzelner Vorträge.
Schlussbemerkung
Es geht bei dieser Forderung um den Schutz der ärztlichen Unabhängigkeit, um die Glaubwürdigkeit staatlich beziehungsweise kammerrechtlich anerkannter Fortbildung und letztlich um das Vertrauen von Familien, Kindern und Jugendlichen in ein Versorgungssystem, das sich nicht dem Verdacht aussetzen darf, durch erhebliche wirtschaftliche Interessen von Pharmafirmen mitgeprägt zu sein.
Gerade im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie muss gelten: Fortbildung, die mit staatlicher oder kammerrechtlicher Anerkennung und CME-Punkten versehen wird, muss frei von jedem vermeidbaren Anschein kommerzieller Einflussnahme sein.
Mit freundlichen Grüßen
Bernd Trepping
Vorstand KVPM Deutschland e.V.