Heime und Anstalten sollen ohne Vorankündigung überprüft werden

 

11.2.1976

 

Eine überraschend große Mehrheit der Bevölkerung fordert nach dem Altenheimskandal "Schwester Helga" eine unabhängige Kontrolle von psychiatrischen Heimen und Anstalten ohne Vorankündigung und die Abschaffung der Briefzensur bei psychisch kranken Patienten.

 

Dies ist das überraschende Ergebnis, das durch eine Umfrage der Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte e. V. unter der Stuttgarter und Waiblinger Bevölkerung zutage kam.

 

Übereinstimmend wurde von 88,3 Prozent der befragten eine unabhängige Beschwerdestelle für psychisch kranke gefordert, die deren Interessen in Zukunft gegenüber den Behörden und Anstaltsleitungen vertreten soll.

 

Nahezu ebenso einmütig, nämlich mit 83,5 Prozent fordert die Bevölkerung, dass eine Briefkontrolle bei Patienten in psychiatrischen Anstalten und Heimen keinesfalls weiter fortbestehen sollte. Dies ist ein besonders interessantes Ergebnis, da die Fachkommission von Psychiatern erst kürzlich in dem 400 Seiten langen Untersuchungsbericht zur Lage der Psychiatrie in der Bundesrepublik eine Empfehlung an den Bundestag in folgendem Wortlaut beschlossen hatte: "in allen (Bundes) Ländern sollte soweit noch nicht geschehen eine formalrechtliche Bestimmung  über die Postkontrolle bei untergebrachten psychisch Kranken getroffen werden."

 

Die Kommission sieht hierin einen  gefährlichen Maulkorb für alle psychisch Kranken und nennt es deshalb einen Versuch, jegliche Beschwerden von Heim- und Anstaltsinsassen zu unterdrücken. Die Angst der Kranken wird dadurch ins unerträgliche gesteigert vor der Rache jener, die ihre Briefe kontrollieren.

 

Neben den beiden Hauptfragen, ob eine unabhängige Beschwerdestelle eingerichtet und die Briefzensur abgeschafft werden soll, ließ die Kommission zwei nicht minder wichtige Fragen erkunden.

 

So z.B. ob man in der Öffentlichkeit das Gefühl hat, dass in anderen Anstalten und Heimen ähnliche Missstände wie im Heim der Schwester Helga vorkommen? 55 Prozent der befragten antworteten darauf mit Ja. Die andere Frage, welche Forderungen noch bestünden um Misshandlungen an seelisch Kranken zu verhindern, wurde von der Mehrheit mit einem äußerst starken Verlangen nach externer Kontrolle der Anstalten beantwortet. 63,5 Prozent sehen in der regelmässigen Kontrolle von außen die einzig wirksame Maßnahme zur Verhinderung irgendwelcher Misshandlungen. Von diesen 63,5 Prozent gehen 50,7 Prozent davon aus, dass derartige Kontrollen stichprobenartig und ohne vorherige Ankündigung von unabhängigen Gremien durchgeführt werden müssen. 12,8 Prozent würden diese Kontrollen auch Behörden übertragen, vorausgesetzt sie werden durchgeführt.

 

Die Umfrageergebnisse, die durch die Befragung von 500 Personen ermittelt wurden, will die Kommission jetzt in einen detaillierten Bericht fassen und dem Kreistag sowie dem Baden-Württembergischen Landtag vorlegen. Der Bericht wird als eine der Hauptforderungen die Einrichtung einer unabhängigen Beschwerdestelle für alle psychisch Kranken und die Abschaffung der Briefzensur enthalten.

 

 

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Die KVPM wurde 1972 in München von Mitgliedern der Scientology Kirche gegründet und gehört zum weltweit größten Netzwerk zur Aufdeckung von Missbräuchen in der Psychiatrie.